Geschichte

Geschichte der Berg-und Hüttenwerke zu Bieber

 

 

 

 Bieberer Bergleute vom Webersfeld 1912

 

 

 

 

Die Berg-und Hüttenwerke zu Bieber hatten im 18. und 19. Jahrhundert einen guten Ruf und gaben der dörflichen Siedlung einige Bedeutung. Heute sind die Bergwerke stillgelegt, die Schächte sind verlassen und eingestürzt, die Halden begrünt und kaum noch erkennbar. Allein das vielerorts unruhige Bodenrelief im dichten Wald läßt dem Kundigen erkennbar werden, welche für die Landschaft tiefgreifende Vorgänge hier vor nicht allzulanger Zeit stattgefunden haben. Der Bergbau hat die geologische Erforschung des Nordspessart sehr gefördert, ja eigentlich erst eingeleitet.

I . Älteste Nachrichten und Geschichte bis 1740

Die Ringwallanlage auf dem Burgberg deutet darauf hin, daß bereits die Kelten das am Fuße dieses Berges an verschiedenen Stellen zu Tage ausgehende Brauneisenlager abgebaut und in kleinen Rennöfen verhüttet haben. In der Blütezeit des Bieberer Bergbaues gewann man aus den Gruben Eisen, Kobalt, Silber, Kupfer und Blei. Er wird erstmals 1494 in einer Handlung zwischen Kurmainz und Hanau urkundlich erwähnt. Zwischen 1510 und 1559 wurden verschiedene Verträge über den gemeinsamen Betrieb der Bergwerke geschlossen (VON CANCRIN 1787). Das am Bergbau sehr interessierte Haus Hanau entsandte 1539 einen Licentiaten zum Studium des Kupferschieferbergbaues in den Südharz zum Grafen von Mansfeld (ZIMMERMANN 1917). Unter Mitwirkung eines "Bergverständigen" des Kurfürsten von Sachsen kam bereits 1542 eine Bieberer Bergordnung heraus. Deren Eidesformeln beziehen sich gesondert auf Bergmeister, Geschworene, Aufseher, Bergschreiber, Schichtmeister, Steiger, Hüttenschreiber, Schmelzer, Abtreiber und Knechte. Durch Vertrag von 1546 wurde den Grafen von Hanau das alleinige Eigentum an den Bieberer Bergwerken zugesprochen. Jedoch ruhte in der Folgezeit der Bergbaubetrieb lange (auch während des ganzen Dreißigjährigen Krieges). Erst 1675 wurde er wiederaufgenommen, und im Jahre 1693 dirigierte für kurze Zelt der Harzer Bergmeister Bär die Silber-, Kupfer- und Bleiwerke. Bär war ein geschickter Bergmann, im Hüttenwesen jedoch unerfahren. 1699 kam das Bergwerk an den Oberstleutnant von Glaubitz, der es bis 1702 betrieb. Danach wurde es dem kurmainzischen Bergmeister Johann Georg Wild aus Sommerkahl erblich verliehen. Die Aufsicht führte von 1699 bis 1720 der Bergverwalter Otto, der im Bergwerk umkam. Damals (1709) wurde die erste Wasche angelegt. Ab 1708 nahm eine Hanauer "Gewerkschaft" (Frau Westerfeld, Kammersekretär Handwerk und Leutnant Schäffer) das Lettenflöz auf dem "Kalkofen" und auf dem "Burgberg" in Betrieb.

Mit weiteren vier "Gewerken" stifteten diese Drei 1722 der lutherischen Kirche zu Bieber einen Abendmahlskelch und -teller aus Bieberer Silber. Aus Bieberer Silber ließen später die Landgrafen Wilhelm VIll. und IX. zwischen 1737/51 und 1802 eine Medaille, l Probe-, 4 Halbtaler und 44 Taler in 22 Prägejahren schlagen. Die Münzen zeigen auf der Vorderseite ein Brustbild des jeweiligen Landesherrn und auf der Rückseite das große landgräfliche Staatswappen mit der Einprägung "Bieberer Silber" oder der lateinischen Umschrift "Ex visceribus fodinae Bieber". Die Silber-, Kupfer- und Bleiwerke sind lange in regem Betrieb gewesen. Im Abbau und der Verhüttung der Eisenerze war man weniger glücklich. Johann Martin Kressel, Phillip Ritter und Johann Georg Dörrfeld betrieben das Eisenwerk von 1702-1704. Die Aufsicht führte der Hüttenverwalter Wilken. Ihnen folgte ein Bergrat Walther, der bis 1718 in Bieber war. Er war ein reicher Mann. Der Sage nach ließ er das Geld in Wagen anfahren. Allein, verarmt hat er das Eisenwerk verlassen. 1718 und 1720 wurde es durch einen Joh. Groth mit Rennfeuern betrieben, wie es schon der Bergverwalter Otto getan hatte. Der nächste "Gewerke", Jüngst aus Dillenburg, goß Töpfe und Ofenplatten. Er mußte das Unternehmen jedoch bald wieder aufgeben, da die Gußteile wegen ihres Arsengehaltes kaltbrüchig waren. Berghauptmann Von Drach hat im Jahre 1721 das Eisen- sowie das Silber-, Kupfer- und Bleiwerk erneut angetrieben. Damals fand man am Burgberg reiche Schliege (metallhaltiger Schlamm) und machte auch die ersten Versuche, aus dem Letten Vitriol zu sieden. Das Eisenwerk blieb aber bald wieder liegen. Ein älterer Bruder Drachs nahm das Werk erneut 1726 in Pacht und fand am "Grundacker" gute Eisensteine. Das Lettenwerk ließ er aber liegen, da es seiner Ansicht nach nicht bauwürdig war.

II . Johann Heinrich Cancrin und seine Söhne

Als im Jahre 1737 die Grafschaft Hanau durch Erbfolge an die Landgrafen von Hessen fiel, wurden das Silber-, Kupfer- und Bleiwerk und das Eisenwerk von der Landesherrschaft selbst übernommen. Sogleich begann man mit dem Aufschluß des Röhriger Kobaltganges. Die Direktion wurde dem Bergrat Pauly übertragen, die Oberdirektion hatte der Geheimrat und Obersalzgraf Waiz von Eschen inne. Aber schon 1741 nach Paulys Abschied wurde Johann Heinrich Cancrin zum Bergmeister in Bieber ernannt. Bergbau und Hüttenwesen in Bieber waren in sehr schlechtem Zustand und warfen nur geringe Erträge ab. Die Bergwerke bestanden damals aus den fast ganz ausgehauenen silber-, kupfer- und bleihaltigen Lettenflözen am "Kalkofen" und am "Burgberg", dem noch nicht ausreichend aufgefahrenen Kobaltgang bei Röhrig und dem fast ganz abgebauten Eisensteinflöz den "Grundäckern". Auf der Hütte an der "Schmelz" sah es nicht besser aus. Dort standen lediglich eine kleine Wasche, ein kleines Rösthaus, eine Rohhütte mit zwei kleinen Krumöfen und die Eisenhütte sowie unterhalb Biebers der Eisenhammer.

Die ganze Belegschaft bestand damals aus dem Bergverwalter Pauly, einem Halbbruder des Vorerwähnten, dem Obersteiger Hohmann, dem Abtreiber und Garmacher Menzler sowie zwölf Bergleuten und zwei Hüttenarbeitern. Angesichts solcher Zustände sank dem tüchtigen und erfahrenen Cancrin zunächst der Mut. Doch ging er frisch ans Werk, führte rationellere, zum Teil selbst entwickelte Arbeits- und Schmelzmethoden gegen den heftigen Widerstand der hier schon länger tätigen Unterbedienten ein. Schließlich brachte er (später von seinen Söhnen Franz Ludwig und Johann Phillip unterstützt) das Bieberer Berg- und Hüttenwesen zur höchsten Blüte, die es jemals erlebte. Allein die Zahl der Belegschaft stieg von zwei Hüttenarbeitern und zwölf Bergleuten auf 400 bis 500 Beschäftigte. Johann Heinrich Cancrin hat auch in sozialer Hinsicht für die Bergarbeiter gesorgt. Er richtete ein Fruchtmagazin ein. Daher bezogen die Bediensteten gegen einen geringen Lohnabzug ihr Brotgetreide, so daß sie nicht Kornwucherern ausgeliefert waren. Diese Einrichtung hat bis 1875 bestanden, solange die Bergwerke in staatlicher Regie betrieben wurden.

                Die Eisenhütte zu Bieber 1829

Da die vorgefundenen Erzlager bald ausgehauen oder nicht genügend erschlossen waren, ließ Cancrin in großem Umfang Schürfungen vornehmen. Dabei entdeckte man 1746 auf der "Winterseite" im Lochborn ein Kupferlettenvorkommen von solchem Umfang, dass es beim Einstellen des Bergbaues auf den Letten Im Jahre 1806 noch nicht vollkommen abgebaut war. Gleichzeitig fand man ein gewaltiges Brauneisenlager, das mit einer Mächtigkeit bis zu 18 Metern über den Letten lag. Bei weiteren Schürfungen stieß man auf der "Sommerseite" 1748 aut den l. Lochborner Kobaltrücken. Bis 1867 wurden insgesamt fünf solcher Rücken aufgeschlossen und abgebaut. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der sogenannte Wismutrücken in der Nähe des Schachtes L im oberen Lochborn angefahren. Es handelt sich um einen Spateisengang, der größere Nester gediegen Wismut und Wismutglanz enthielt. Die Kobalterze wurden zum größten Teil, jährlich 450 - 500 Zentner, zum Blaufarbenwerk Schwarzenfels bei Mottgers (zwischen Spessart und Rhön) transportiert und hier zu Schmalte verarbeitet, die bis nach England, ja sogar bis Nordamerika verschickt wurde. Ein kleiner Teil des Kobalts ging mit Gespannen bis zum Blaufarbenwerk nach Karlshafen an der Weser. Der Kobaltstollen bei Röhrig wurde weiter aufgefahren und ein Flügelort, das sogenannte lange Feldort, bis unter den Burgberg vorgetrieben. Dort fand man im Jahre 1756 ein Silber-, Kupfer- und Blei-haltendes Schieferflöz, dessen Silbergehalt über dem der Lettenvorkommen lag. Das Röhriger Kobaltwerk wurde zwischen 1762 und 1765 vorübergehend stillgelegt und von l808 durch einen neuen Stollen erneut bis etwa 1820 in Betrieb genommen.

Der Familie Cancrin verdankt der Biebergrund seinen größten wirtschaftlichen Aufschwung. Dabei waren die Voraussetzungen nicht einmal besonders günstig. Kupfererze mit einem Metallgehalt von nur l - 3 % gelten heute als unbauwürdig. Um so erstaunlicher sind die jährlichen Gewinne von 8.830 Gulden (ohne Anrechnung der Kobalterzeugung, deren Wert sogar etwa 20.000 Gulden entsprach) aus den Jahren 1754 - 1762. Später stieg der Ertrag sogar auf 20.000 Gulden jährlich,wovon auf die Eisengewinnung nur l.200 - 1.500 Gulden entfielen. Die Produktion betrug damals im Jahresdurchschnitt 140 - 230 kg Silber, 400 - 500 Zentner Kupfer, 200 - 300 Zentner Blei und und 2.000 - 3.000 Zentner Eisen. Das Silber ging direkt an den Landesherrn oder in die Münzen zu Kassel oder Hanau. Das Kupfer wurde den Kupferhämmern im Frankfurter Raum verkauft. Das Eisen wurde meist in Massen an weiterverarbeitende Betriebe abgegeben und zum Teil auf den eigenen Hämmern verarbeitet. Sand- und Lehmgußteile wie Platten, Röhren, Öfen und Töpfe wurden auch hergestellt. Die reichlich anfallenden Wasser löste man, soweit es die Geländeverhältnisse erlaubten, durch Stollen. So entstanden nach und nach : Der obere und der untere Kalkofer, der Türken-, der Grundäcker, der Burgberger sowie der Röhriger Kobaltstollen, weiterhin der Lochborner Lettenwerksstollen, der obere und der untere Lochborner sommerseiter Kobaltstollen, der Hüttenwehr-, Roßbacher und Großroßbacher Stollen.

Da aber die Stollen oft nicht genügend Teufe zur Wasserlösung brachten, legte man zusätzlich sechs sogenannte "Künste" an : Im Lochborn die Kettenkunst, die erste und zweite Kobaltwerkskunst sowie die Lettenwerkskunst, die Röhriger Kunst und die Großroßbacher Kunst. Die Künste bestanden aus gewaltigen Wasserrädern (bis zu 13 - 75 m Durchmesser), welche die erzeugte Kraft über Kurbelwellen und ein Feldgestänge auf Leitarmen zum Schacht hin übertrugen und dort mit einem halben oder ganzen liegenden Kreuz auf ein Gestänge weitergaben. Dieses trieb die hölzernen Pumpen an, die etappenweise, jeweils bis 8.60 m, sich gegenseitig die aus über 60 m Teufe gewältigten Wasser zuhoben und auf der Stollensohle ausgossen. Die Kettenkunst erhielt ihre Kraft durch Kolben. Diese waren in einem Abstand von etwa l Meter auf einer endlosen Kette angebracht, die über einem 8 - 37 m im Durchmesser großen Rad lag und durch ein etwa 13 cm weites Röhrensystem geführt wurde. Das Rad war mit 4 cm starken Eisenspillen versehen. Das Wasser wurde in das bis zum Stollen führende Röhrensystem geleitet, so daß ständig mehrere Kolben unter Wasserdruck standen und die Kette das Rad antrieb. Dieses wiederum übertrug die erzeugte Kraft wie bei der vorgenannten Kunst über ein Gestänge zum Schacht. Eine Kettenkunst erforderte in einer Teufe von höchstens 15 Metern einen Stollen, der das Antriebs- und Förderwasser abführte. Das Eigengewicht der Ketten ließ mit dieser Konstruktion eine Wasserwältigung nur aus Tiefen bis 30 Meter zu. Deshalb wurde auch die in Bieber von Cancrin sen. erbaute Paternosterkunst auf Schacht Nr. 12 durch eine Stangenkunst ersetzt, als der auf dem l. Lochborner Kobaltgang erschrotete Kobalt bis in Teufen von 60 und mehr Meter niedersetzte. Um im Sommer für die Künste und Pochwerke, auf der Hütte und Im Hammerwerk ausreichend Aufschlagwasser zu haben, ließen die Gebrüder Franz Ludwig und Johann Phillip Cancrin mehrere Teiche anlegen : Lochborner Teich, Hüttenwehrteich und Wiesbütt. 

               Im "Berta-Stollen" des Bieberer Bergwerks

Die Bewetterung war im allgemeinen nicht besonders schwierig, da genügend Schächte und Lichtlöcher vorhanden und die Strecken oft durch Querschläge verbunden waren. Bei warmer Witterung sorgten Blasebälge, Trekwerke, Wassertrommeln und leergehende Pumpen für die Wetterführung. Die Trekwerke - an anderer Stelle schreibt Cancrin "Trägwerke" - waren ausgezimmerte Wasserrüschen von etwa 52 cm Höhe und 60 - 90 cm Breite. Sie lagen abgedeckt unter der Stollensohle. Durch den Temperaturunterschied zwischen Stollen und Trekwerk wurde die Luft bewegt und der Wetterwechsel erreicht. Die Wassertrommel war eine hölzerne Röhre, an deren oberem Teil seitlich einige Röhrchen herausragten. In diese sog das vorbeigeführte Wasser Luft, die Im Stollen aus einem Faß, das verkehrt in einer Bütte stand, durch 15 x 15 cm messende Luttenrohre vor Ort geführt wurde (bis über 1000 Lachter weit; l Lachter entspricht 2.09 m). Cancrin hat die Bieberer Eisen- und Silberhütte über ihren alten Bestand weit ausgebaut. In der Blütezeit hatte man in Benutzung : Ein Zechenhaus (damals auch Huthaus genannt) auf dem alten Kunstschacht oberhalb Röhrig, ein anderes auf dem Burgberg bei der Kapelle, das Röhriger Kobaltpochwerk, dessen Grundmauergewölbe heute noch vorhanden sind, das Pfandgrabener Kobaltpochwerk, das Lochborner Lettenpochwerk sowie das Hüttenpochwerk, auch Waschhaus genannt, in dem die Bergamtssitzungen stattfanden. Bei allen Pochwerken befanden sich Wohnungen für die Unterbedienten. Ihre Nachfahren wohnen heute noch in Bieber. Es gab nur ein Scheidehaus für das Aufbereiten des Kobalts von der Lochborner Sommerseite.

Auf der eigentlichen Hütte an der Schmelz standen zahlreiche Gebäude. Das Schlieghaus diente zum Aufbewahren des Schlieges. Die erforderlichen Holzkohlen wurden in verschiedenen Kohleschuppen gelagert. Im Rösthaus röstete man die reichen silber-, kupfer- und bleihaltigen Rohsteine. In der Rohhütte standen zwei Hochöfen nach Mansfelder Art, In denen die Schliege geschmolzen und die Rohsteine durchgestochen wurden. Im gleichen Gebäude arbeitete auch ein Stübepochwerk mit drei Stempeln. Die Saigerhütte hatte einen Frischofen, zwei Saigerherde, einen Darrofen, einen Treibofen, einen Verblasofen und einen Garherd. Dabei lagen ferner ein Laboratorium und ein weiteres Stübepochwerk. Die Luft für die verschiedenen Ofen wurde von hölzernen Blasebälgen durch Lutten zu den Verbrauchsstellen gedrückt. Der Hoheofen der Eisenhütte war innen mit Eisenplatten verkleidet. Er hatte 6.60 m Höhe und eine größte Weite von 2 Metern. Vor dem Ofen lag das Form- und Gießhaus. An der Saigerhütte wohnte auch der Erste Bergbeamte. Zum Eisenhammer, von dem auch noch die Grundmauergewölbe unterhalb Biebers vorhanden sind, gehörten : das eigentliche Hammergebäude mit zwei auf Siegerländer Art eingerichteten Feuern, ein Kohleschuppen, ein Eisenmagazin, eine Beamten und eine Hammerschmiedswohnung.

Während die Bieberer Berg- und Hüttenwerke in voller Blüte standen, verstarb der Bergmeister Johann Heinrich Cancrin im Jahre 1768. Sein ältester Sohn Franz Ludwig erhielt die Oberaufsicht über alle Bergwerke in der Grafschaft, sein Bruder Johann Phillip die Direktion der Bieberer Bergwerke. Beide bauten die Einrichtungen noch weiter aus, doch schied Franz Ludwig, der inzwischen zahlreiche Abhandlungen über das Berg- und Hüttenwesen verfaßt hatte, nach einem Zerwürfnis mit der Landesherrschaft 1782 aus hessen-kasselischen Diensten aus. Er ging als Sayn-Altenkirchener Kanzleidirektor zum Markgrafen von Ansbach. Doch schon 1783 übernahm er die damals berühmten Salinen von Staraja Russa und wurde zum russischen Staatsrat ernannt. Er verstarb 1816 in St. Petersburg. Sein Sohn Georg war von 1824 - 1844 russischer Finanzminister. Johann Phillip Cancrin verließ 1782 ebenfalls Bieber und trat in baden-durlachische Dienste.

III . Niedergang des Bieberer Berg- und Hüttenbetriebes

           Zechenhaus Webersfeld mit Maschinenschacht

Auch später wirkten tüchtige Bergleute in Bieber, so z. B. Johann Christian Leberecht Schmidt, der für seine bekannten "Gangtheorien" in Bieber wertvolle Erkenntnisse sammelte und die nach ihm benannte Regel über die "Sprünge" der "Gänge" aufstellte. Trotzdem ging der Bergbau immer mehr zurück. So wurde 1806 bei Beginn der französischen Besetzung der Abbau der Silber-, Kupfer- und Bleierze eingestellt. Die Kobalt-, Nickel- und Eisengewinnung wurde weiterbetrieben und auf das "Webersfeld" ausgedehnt. Dort baute man auf Schacht Nr. 29 und später auf Nr. 33 zwei weitere Künste. Die Wasser löste aber dort in der Hauptsache der Roßbacher Stollen, der 1741 begonnen worden war. Später wurde er erneut angetrieben. Er sollte einmal die gesamte Wasserlösung der Bieberer Bergwerke (Büchelbacher, Röhriger und Lochborner Revier) übernehmen. Sein Vortrieb kam aber vom Südostausgang des Ortes Roßbach über das sogenannte "Kreuz" am nordwestlichen Bieberer Ortsende, wo er in nördlicher Richtung umschwenkte, zunächst nur bis ins Büchelbacher Revier. 1745 wurde er bis ins Röhriger Revier durchschlägig. Als letzter Bergmeister wirkte Hermann Bücking in Bieber. Am 12.09. 1851 wurde sein Sohn Hugo geboren, der später so bekannte Mineraloge und Geologe.

Der Kobalt- und Nickelabbau wurde auf staatliche Anordnung 1867 eingestellt, obwohl die Vorkommen nicht erschöpft waren. Der Brauneisenabbau wurde zunächst noch weiterbetrieben und die Erze auch an der Schmelz in einem Holzkohleofen verhüttet. Die ältesten Bürger Biebers erinnern sich noch lebhaft der Schilderungen ihrer Eltern über den allmorgendlichen und allabendlichen Hochofenabstich, jeweils um 6 Uhr. Dann färbte sich der Himmel blutrot. Die Bieberer "Hüttenreise" (Tätigkeit des Hochofens) dauerte jährlich zwischen 18 und 24 Wochen. In der übrigen Zeit fuhr man die erforderlichen Erze und Kohlen an. Es wurden große Holzkohlenmengen benötigt, denn zur damaligen Verhüttungsmethode brauchte man annähernd gleiche Gewichtsmengen Kohle und Erz. So vermerkt auch die Betriebseinrichtung des Forstreviers Bieber von 1851, dass von einem durchschnittlichen Jahreseinschlag von 3.670 Normalklafter (das sind 14.112 Raummeter) zwei Drittel zum Betrieb des kurfürstlichen Eisenwerkes abgegeben und deshalb im Walde verkohlt wurden. (Zu Cancrins Zeiten - als die Silberhütte noch in Betrieb war - wurden sogar zwischen 15.380 und 19.225 rm eingeschlagen.) 1866 war Kurhessen preußische Provinz geworden. 1875 wurde der Hochofen an der Schmelz ausgeblasen.

Der preußische Staat hatte den Bergbau eingestellt und das Bergamt in Bieber aufgelöst. Für die Bevölkerung des Biebergrundes und der Nachbardörfer brach eine Notzeit an. Doch bereits sieben Jahre später, am 28.06. 1882, pachtete Dr. Heinrich Pfahl aus Bonn vom preußischen Staat auf 20 Jahre die Bieberer Gruben. 1883 wurde die Förderung mit 9.000 t aufgenommen. Zum leichteren Transport der Erze zur 21 km entfernten Staatsbahn in Gelnhausen baute der Pächter 1884/1885 eine Schmalspurbahn (90 cm). Die ersten Züge liefen am 04.08. 1885 in der Kreisstadt ein. Dadurch konnte die Produktion erheblich gesteigert werden. Sie erreichte 1888 den Höchststand von 64.000 Tonnen. Am 27.11. 1893 trat die Siegener Firma Gustav Menne in den Pfahlschen Pachtvertrag ein und erwarb die westlich an die staatlichen Felder grenzenden Grubenfelder "Segen Gottes", "Gordon" und "Frohsinn", die sie unter dem Namen "Bieberer Gruben" konsolidierte und eine Gewerkschaft gleichen Namens gründete. Gefördert wurde im Büchelbacher, Lochborner und Burgberger Revier im Tief- und im Tagebau. 1897 brachte man den 46 m tiefen Schacht L nieder, und im Jahre 1900 wurde der obere Maschinenschacht begonnen, der im Endausbau drei Sohlen bei 105, 125 und 150 m hatte. Die Erze gingen damals zu zwei Dritteln an rheinische Hütten, zu einem Drittel in das Siegerland.

Vor Ort im Bieberer Bergwerk     

1907 wurde die Firma Krupp Pächter. Sie schloß einen neuen Vertrag auf 25 Jahre ab. Ab   1908 setzten sofort umfangreiche Aufschlußarbeiten ein, vom bisherigen Raubbau wurde zu einem planmäßigen Abbau übergegangen. Das "Webersfeld" wurde neu erschlossen, dabei der dortige Schacht auf 35 m niedergebracht. Im Dezember 1908 wurde der sogenannte "Bertha-Stollen" an der Schmelz angesetzt, um im Laufe der Jahre bis in den mittleren Lochborn auf 2.800 m vorgetrieben zu werden. Dort befand sich auch der 32 m tiefe untere Maschinenschacht. Der Stollen sollte ursprünglich bis zum oberen Maschinenschacht vorgetrieben werden. Er hätte dabei eine Länge von 4 km erreicht. Mit ihm wollte man die Förderung von allen Förderpunkten im gesamten Lochborner und Burgberger Revier zusammenfassen. Auch hätten sich dadurch Wasserlösung und Wetterführung erheblich verbessern lassen. Zur Streckenförderung standen damals zwei Benzollokomotiven von je 8 PS mit einem Wagenpark von 77 Stück zur Verfügung. Außer am Schacht L wurde mit Dampfkraft gefördert; im Schacht L ließ man die alte, aber praktische und billige Wasserkastenförderung bestehen.

Die in Bieber geförderten Eisenerze enthielten nach einer Durchschnittsprobe aus

4.000 t (1910) :

Fe 34.45 % ; Mn 7.83 % ; P 0.082 % ; As 0.22 % ; Cu 0.03 % ; S 0.13 %

Bei den Manganerzen stieg der Mangangehalt bis auf 17 %, doch erreichte auch der Arsengehalt bei diesen Erzen die unerw¨nschte Höhe bis 0-47 %. Um Kaltbruch beim Roheisen zu vermeiden, mußte man deshalb 1 Tonne Spessarterze mit 6 Tonnen arsenfreien Erzen vermöllern. Außer den unrationellen Gewinnungsvorrichtungen und den langen Transportwegen war dies der Hauptgrund für die Friedrich Krupp AG, die Gruben Ende Mai 1925 stillzulegen.

1946 wurde die Sieg-Lahn-Erzbergbau G.m.b.H. (heute Harz-Lahn) In Weilburg/Lahn Nachfolger der vorgenannten Firma. Die zahlreichen Gebäude an der Schmelz und auf dem Burgberg hat diese Gesellschaft Ende der Fünfziger Jahre verkauft. Die Grubenfelder sowie größere Ländereien besitzt sie heute noch in Bieber. Zahlreiche größere Halden und mehr als 100 Schachtpingen, insbesondere im Lochborn, künden heute noch von dem ehemals blühenden Berg- und Hüttenwesen in Bieber. Die Kleinbahn war 1895 an die Spessart-Bahn AG, Köln, übergegangen, die auch die Endstation "Lochmühle" 1895/1896 erbaute, weil sie inzwischen den Personenverkehr aufgenommen hatte. Die Gastwirtschaft in diesem Gebäude wurde zu einer beliebten Sommerfrische, die Gegend zu einem vielbesuchten Ausflugsziel. 1929 kaufte der Kreis Gelnhausen die Bahn. Die Betriebsleitung übernahmen die "Gelnhäuser Kreisbahnen". 1951 mußte man sich vom unrentablen Bahnbetrieb auf Omnibusse umstellen. Wenn nun der Bergbau auch schon mehrere Jahrzehnte ruht und mehr und mehr in Vergessenheit gerät, so wird er zumindest den Mineralogen in Erinnerung bleiben. Ein Mineral (Kobaltvitriol), das hier vorkam, wurde nämlich mit dem Namen Bieberit belegt. 

Schacht L im Lochborn 

IV . Belegschaftsstruktur der Berg- und Hüttenwerke im Spessart

1. (Ober) Berghauptmann

2. Bergrat, Bergkommissar, Ober - Amtsassessor

3. Bergmeister, Professor

4. Obereinfahrer, Inspektor, Bergschreiber

5. Hüttenmeister

6. Schichtmeister

7. Obersteiger

8. Untersteiger, Pochsteiger, (Roh-) Schmelzer

9. Hauer

10. Lehrhauer, Anschläger, Vorläufer, Haspelknechte, Karrnläufer

11. Garmacher, Abtreiber, Waschkinder

Quellen:
Veröffentlichungen des Geschichtsvereins Biebergemünd e.V.
http://www.geschichtsverein-biebergemuend.de