Die Geschichte der Erz - und Spessartbahn

   

 Die Lokomotive "Spessart" Cn2t, gebaut 1893  

Ab 01. Juli 1882 pachtete Dr. Heinrich Pfahl aus Bonn die Bieberer Gruben und Hochöfen. Die Förderung betrug im Jahre 1883 lediglich 9000 Tonnen, da der Abtransport von Bieber nur mit Pferde- und Ochsengespannen möglich war. Um das Unternehmen lebensfähig zu machen, mußte Dr. Pfahl in kürzester Frist einen Erzabfuhrweg schaffen. Der Unternehmer wies den Kreisausschuß darauf hin, dass er von den Anliegergemeinden und dem Forstfiskus beim Bau einer Schmalspurbahn von 900 mm eine angemessene Unterstützung erwarte, andernfalls würde der Abtransport der Erze "durch die Luft" erfolgen. Damit war der viel billigere Bau einer Drahtseilbahn gemeint. Im Jahre 1883 erfolgte die Trassierung und am 15. und 19. Juli 1884 wurde der Grubenbahnbau durch das Oberbergamt Clausthal und durch die preußische Regierung in Kassel genehmigt.

Mitte August 1884 bereits begann der Bau durch die Firma Gebrüder Moritz aus Hatzenport / Mosel. Ihr Betriebsbüro, unter Leitung des Ingenieurs Meurer, wurde in Lanzingen eingerichtet. Gebaut wurde von Gelnhausen aus, und der Bau machte rasche Fortschritte. Anfang April 1885 ertönte der erste Pfiff der Baulokomotive in Bieber. Innerhalb von zehn Monaten war das Werk vollendet. Am 12. Juni 1885 erfolgte die Abnahme der Bahn durch die preußische Regierung und am 04. August 1885 liefen die ersten Erzloren im Bahnhof Gelnhausen ein. Es fuhren täglich 6 Erzzüge mit 9 Wagen a 100 Ztr. Die Förderung stieg 1888 auf 64 000 t jährlich. Um diese Tonnage kostengünstig zu bewältigen, war die Anschaffung einer größeren und stärkeren Lok erforderlich, die 1896 täglich 4 bis 5 Erzzüge mit jeweils 15 bis 18 Wagen nach Gelnhausen zog.


Der Anschluß Schmelz mit der Erzrutsche und einem bereitstehendem Wagen. 


Nach Angaben des damaligen Kreisausschusses soll der Bau der Grubenbahn einschließlich Landerwerb 600 000 Goldmark gekostet haben. Damals wurden z.B. in der Gemarkung Kassel für das Ar ein Preis von 45 Goldmark gezahlt. Zu diesen Kosten kamen noch die Beschaffung der Lokomotiven und des Wagenparks. Als Eigentümer der Grubenbahn werden 1889 Dr. Pfahl, Bieber, von Erlanger & Söhne, Metallgesellschaft Frankfurt und M. Cahn aus Brüssel aufgeführt. Wegen einer Kopfkrankheit gab Dr. Pfahl das Bergwerk sowie die Bahn mit Wirkung vom 01. juli 1893 am 27. November 1893 an die Firma Gustav Menne aus Siegen ab. Bald hatte man den Vorteil einer Verkehrserschließung durch die Eisenbahn erkannt, denn bereits 1888 befaßte man sich mit einer Weiterführung der Spessartbahn über Flörsbach - Kempfenbrunn - Frammersbach nach Partenstein. Von bayerischer Seite wurden noch viel größere Pläne geschmiedet. Auf einer Versammlung in Schöllkrippen, an der 250 Personen teilnahmen, besprach man den Bau einer "Spessartgürtelbahn", die - von der Bebrarer Bahn ausgehend - über Bieber, den oberen Kahlgrund, die Station Hösbach kreuzend durch das Bessenbach- und Elsavatal nach Kreuzwertheim laufen sollte. Der Bau war allerdings in Normalspur (1435 mm) vorgesehen.

Damit wollte man 12 bayerische Staatsforstämter, 3 preußische Forstämter, eine Anzahl Privat - und Kommunalwaldungen sowie Steinbrüche und eine ganze Anzahl Bergwerke erschließen; den sonstigen Güter- und Personenverkehr nicht zu vergessen. Im selben Jahr bildete sich auch ein Kuratorium, das einen Bahnbau Birstein - Wächtersbach - Bad Orb - Bieber anregte. 1894 wurde ein weiteres Projekt, die Spessartbahn von Wirtheim nach Bad Orb zu verlängern, ins Auge gefaßt. Auch das Projekt Bieber - Partenstein wurde von den Bewohnern des Flörsbachtales noch einmal angeregt. Auf Wunsch der Anliegergemeinden wurde die Umwandlung der Grubenbahn in eine Kleinbahn betrieben. Die Besitzer der Grubenbahn, Gustav Menne aus Siegen, führte 1894 mit dem Landkreis, den Aliegergemeinden sowie mit dem Forstfiskus Verhandlungen über Abtretung von Gelände für die Einrichtung von Haltestellen und Bahnhöfen und wünschte, daß ihm Gelände kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Der Bürgermeister von Wirtheim lehnte kategorisch die Einrichtung eines Bahnhofs für seinen Ort ab. Schließlich beschloß der Kreistag, das erforderliche Gelände zu anzukaufen. Die Genehmigung zum Bau und Betrieb der Kleinbahn wird am 20. August 1895 der neugegründeten "Spessartbahn-Aktien-Gesellschaft" in Köln erteilt und der Betrieb nach Einrichtung der Bahnhöfe und Haltestellen am 15. Dezember 1895 aufgenommen. 


 Zug mit Sommerwagen bei der Ausfahrt am Bahnhof Bieber, Richtung Lochborn.


Es wurden für 450 000 Mark Aktien und 450 000 Mark Obligationen verzinslich zu 4,5 % ausgegeben. Von dem Gesamtaktienpaket hielt das Bankhaus B. Stern jun. in Köln 300 000 Mark und die Firma Menne in Siegen 150 000 Mark, die anfangs 3 % Dividende abwarfen. Das Bankhaus Sal. Oppenheim jr. & Co. in Köln bezahlte 450 000 Mark Obligationen und wirkte als Treuhänder der Obligationsinhaber. 1907 trat die Firma Friedrich Krupp in Essen in den Pachtvertrag von Menne ein und übernahm gleichzeitig die gesamten Aktien der Spessartbahn AG zu 40 Prozent. Der Sitz der Verwaltung, der sich zunächst in Köln dann in Bieber befand, wurde 1909 nach Weilburg verlegt. Nach Stillegung der Bieberer Bergwerke, Ende Mai 1925, ging die Rentabilität der Spessartbahn stark zurück, ja man kam in den Inflationsjahren erheblich in die roten Zahlen. Die Roheinnahmen betrugen 1923 z.B. 3 000 Mark. Andererseits hatte man alleine für Löhne und Gehälter 2 900 Mark zu zahlen. Der Bilanzverlust betrug 1919 132 844 Mark und stieg 1922 bis auf 610 537 Mark. Man mußte überlegen, wo einzusparen war. Zunächst kam die völlig unrentable Strecke Bieber - Lochborn in Betracht. Hier waren 1927 zur Förderung von 1 637 Personen 8 640 Zug-km erforderlich. Bei 1 RM Selbstkosten je km betrugen die Einnahmen nur 0,50 RM. Die Strecke wurde deshalb am 07. Oktober 1928 stillgelegt, was allgemein bedauert wurde, da das Lokal "Lochmühle" eine gern besuchte Sommerfrische war.

Da die Spessartbahn AG auch beabsichtigte, die gesamte"romantische" Schmalspurbahn Gelnhausen - Bieber stillzulegen, erwarb der Landkreis zu einem Preis von 67 000 RM und die Obligationsverpflichtungen in Höhe von 53 280 RM. Die Betriebsleitung wurde am 01. Juli 1929 der Betriebsleitung der Kreisbahnen Wächtersbach übertragen. Da das Rückgrat der Bahn, der Erzversand, bei Stillegung der Bieberer Gruben gebrochen war, suchte man nach jeder Möglichkeit, die Einnahmen zu verbessern. Beim Güterverkehr bot sich der Holzversand aus den Staatswaldungen und beim Personenverkehr die Wiederinbetriebnahme der Strecke bis zur Lochmühle an. Man baute deshalb 1930 Holzverladerampen mit Anschlußgleisen in Kassel und Roßbach sowie später an der Lochmühle. In Gelnhausen nahm man den Umbau des Kleinbahnhofs vor, um den Übergang zur Freigerichter - und zur Staatsbahn zu erleichtern. Die vorläufige Genehmigung zur Wiederaufnahme des Verkehrs auf der Strecke Bieber - Lochmühle wurde vom Regierungspräsidenten in Kassel am 02. Januar 1933 erteilt. Recht in Schwung kam die Bahn aber nicht wieder. In den letzten Jahren fuhr sie dem Kreis ein Defizit von 60 000 DM ein und war nicht mehr tragbar. Im Jahre 1950 wurden genaue Erhebungen im Hinblick auf die Umstellung auf Kraftwagenbetrieb (Bus und LKW) durchgeführt.

 


 Bedienstete der Spessartbahn vor der Lok "Lochborn" im Bahnhof Bieber

 

So wurden für Mittwoch den 26.04. folgende Zahlen ermittelt :

Von Bieber nach Gelnhausen wurden befördert :

 


* nur bis Wirtheim ** montags stärkerer Verkehr : 110, 190, 225

 von Gelnhausen nach Bieber :

 

* nur ab Wirtheim 


Im Winter war die Benutzung der Züge stärker, so zählte man vor allem an Montagen bei Zug 405 bis zu 3oo Personen und Zug 420 beförderte ab Gelnhausen bis zu 250 Reisende. Aus diesen Erhebungen zog man den Schluß, dass bei entsprechendem Einsatz von 3 Bussen und 1 LKW, mit 5 t Tragkraft, der Verkehr voll auf der Straße abgewickelt werden kann.

Eine Berechnung der Bediensteten Bahn / Bus brachte folgendes Ergebnis :

Personalbestand am 16.06 1950 gleich 29 Bedienstete und zwar :

1 Bahnhofvorsteher, 1 Reservelkoführer ,1 Vorarbeiter,


1 Werkmeister, 2 Lokheizer, 3 Schlosser,


1 Eisenbahnassistent, 1 Zugschaffner, 1 Bahnhofsarbeiter,


1 Eisenbahnanwärter, 1 Zugbegleiter, 1 Umlader,


2 Lokomotivführer, 1 Rottenführer, 3 Schlosserlehrlinge


Personalbedarf Kraftwagenverkehr :

4 Kraftfahrer, 3 Schaffner, 2 Schlosser und 1 Verwaltungskraft zusammen 10 Personen. Schaffner und Schlosser sollten auch entsprechende Führerscheine erwerben.

So war das Ende der Bahn nicht aufzuhalten. Sie wurde stillgelegt.  

 

 

 

Gruppenaufnahme bei der letzten Fahrt am 23. Juli 1951 im Bahnhof Wirtheim. 

 

 

 

 

 Ihre letzte Fahrt mit einem Personal liebevoll geschmückten Zug war Freitag, 23. Juli 1951. Um 9.55 Uhr hob der Bahnhofsvorsteher von Bieber, Karl Samer, die Kelle und der Zug 407 mit der Lok "Spessart" verließ unter Läuten und Pfeifen den Bahnhof. Den Abschiedszug fuhren Lokführer Franz Kriegsmann, Karl Heinz Staab und Schaffner Heinrich Senzel. Durch den längeren Abschiedsaufenthalt auf den Stationen erreichte der letzte Spessartbahn-Personenzug erst gegen Mittag den Bahnhof Gelnhausen. Offizielle Betriebseinstellung war um 12.00 Uhr. Der Gegenzug 412 ab Gelnhausen 13.25 Uhr wurde bereits mit dem Bus gefahren. Die Klöckner-Werke AG, Duisburg, erwarben die Bahnanlagen für 300 000 DM, bauten sie ab und verschrotteten sie. Der "Abräumzug" fuhr mit der Lok "Spessart". Im Januar 1952 war die Spessartbahn endgültig in die Geschichte eingegangen.

 

Quellen:

Veröffentlichungen des Geschichtsvereins Biebergemünd e.V.
http://www.geschichtsverein-biebergemuend.de